Reisebericht zur Lehrerfortbildung „Azores Sustainability, Environmental Education and Outdoor Education in Ponta Delgada, Azoren (29.06. – 04.07.2026)
260708. Vom 29. Juni bis 04. Juli 2026 tauschten fast 30 Lehrkräfte und Bildungsfachleute aus ganz Europa das Klassenzimmer gegen Vulkankrater, Lavapools und jede Menge Meeresluft: Auf São Miguel, der größten Insel der Azoren, ging es bei einer internationalen Lehrerfortbildung in Ponta Delgada nicht nur um Nachhaltigkeit und Umweltbildung – sondern darum, sie mit Wanderschuhen, Kameras/Fernglas und offenen Augen wirklich zu erleben. Der Kurs wurde in englischer Sprache (mind. B1-Niveau) durchgeführt, war vollständig durch das EU-Programm Erasmus+ finanziert und wurde organisiert vom portugiesischen Bildungsanbieter Paedagogical Innovation Center, vor Ort unterstützt durch unsere Trainerin N. Salvador.

Ziel war es, Nachhaltigkeit und Umweltbildung nicht nur zu diskutieren, sondern buchstäblich zu erwandern und mit allen Sinnen zu erfahren – und mit jeder Menge Ideen für den eigenen Unterricht im Gepäck wieder heimzukommen.
Die Fortbildung fand auf São Miguel statt – jener Insel, die als Teil des weltweit ersten Archipels mit dem Silber-Zertifikat für nachhaltigen Tourismus ausgezeichnet wurde. Kurz gesagt: eine Insel, die ihre eigenen Hausaufgaben in Sachen Nachhaltigkeit schon lange gemacht hat, bevor wir überhaupt angereist waren. Zwischen dampfenden Vulkankratern, Kraterseen und tiefblauem Atlantik ließ sich kaum ein besserer Ort finden, um über die Rolle von Einzelnen und Gemeinschaften beim Schutz unseres Planeten nachzudenken. Kooperatives Lernen, Feldexkursionen, Gruppendiskussionen und Outdoor-Workshops wechselten sich ab und verknüpften Theorie und Praxis auf eindrucksvolle Weise miteinander.
Die Gruppe setzte sich aus Lehrkräften aller Schulformen aus Spanien, Tschechien, Finnland, Island, Irland, Litauen und Deutschland zusammen. Gemeinsames Ziel: Schulprojekte zur Nachhaltigkeit und zum Naturschutz entwickeln, Methoden der Outdoor Education kennenlernen, ein europäisches Netzwerk zur Zusammenarbeit aufbauen – und ganz nebenbei herausfinden, ob sich ein Vulkankrater auch didaktisch verwerten lässt – Spoiler: ja, hervorragend sogar!

Tagesprogramm
Der Montag startete klassisch mit Begrüßung, Zielsetzung und Icebreaking Activities, durch die sich alle ziemlich schnell kennen lernten und erste Erfahrungen austauschten. Nach der Vorstellung der Schulen und ihrer Hintergründe ging es direkt ans Eingemachte: Wie unterscheiden sich angstbasierte von lösungsorientierten Ansätzen in der Outdoor-Bildung? Und – deutlich philosophischer – kann jeder Einzelne überhaupt noch etwas für unseren Planeten bewirken? Die Antworten fielen unterschiedlich aus, der Diskussionseifer nicht.
Am Dienstag tauschten wir den Seminarraum direkt gegen den mittlerweile selten gewordenen Laurisilva (Lorbeerwald), den mystischen, subtropischen Nebelwald: Auf dem Weg durch die Serra da Tronqueira ging es um bedrohte endemische Arten, im Centro do Priolo um den seltenen Azoren-Gimpel, der akustisch etwas weinerlich und typisch portugiesisch traurig daherkommt, und im abgelegenen Naturpark Ribeira dos Caldeirões um Aktivitäten rund um Sustainable Development Goals – mit rauschenden Wasserfällen und riesigen Baumfarnen im Hintergrund – eine unglaubliche Kulisse für Fotos. Wer genau hinschaute, entdeckte an einem Vormittag mehr Artenvielfalt als in manchem Biologiebuch.
Der Mittwoch gehörte ganz den Meeresbewohnern: Bei einer Wal- und Delfin-Beobachtungstour auf einem Katamaran ging es um marine Biodiversität, nachhaltiges Ökosystem-Management – und um jene Gänsehaut-Momente, wenn ein Pottwal seine Atemluft ausbläst oder falsche Killerwale (Pseudorca crassidens) direkt neben und unter dem Boot auftauchen – sie wollten nur spielen! Im Anschluss wurde in großer Runde diskutiert, wie sich solche Erlebnisse und auch teils „unter die Haut gehende“ Beispiele nicht-nachhaltiger Entwicklung im Unterricht nutzen lassen.
Am Donnerstag stand Vulkanologie zum Anfassen (und Riechen) auf dem Programm: Nach einem Zwischenstopp im durch ein Erdbeben und Erdrutsche am 22. Oktober 1522 stark zerstörten Vila Franca do Campo mit Blick auf die vorgelagerte kleine Vulkaninsel Ilhéu de Vila Franca do Campo ging es steil hinauf zum geothermischen Feld rund um den Furnas-See, das bekannt ist für seine brodelnden und dampfenden Fumarole. Der Ort Furnas liegt zu Beginn des östlichen Drittels von São Miguel in einer ausgedehnten Caldera, die von allen Seiten mit bis zu 760 m hohen, bewaldeten Kraterwänden umgeben ist.
Eine interessante Führung durch das geologische Informationszentrum am Südrand der Caldera ordnete die geologischen und biologischen Zusammenhänge ein. Wenig später konnten wir am Furnas-See die Herstellung des traditionellen, im Vulkanboden gegarten Cozido das Furnas (Eintopf) verfolgen, der uns später beim Lunch im Ort serviert wurde. Nach dem Essen konnten wir im Terra Nostra Garden ein Bad im mit natürlich braunem Thermalwasser und ca. 38 °C warmen Wasserbecken, das mit Steinmetzarbeiten versehen und von exotischen Pflanzen umgeben ist, genießen, was aber hinterher längeres Abduschen benötigte, um die hohen mineralischen Ablagerungen loszuwerden (Eisen, Magnesium, Kalzium).

Der Freitag führte zu den Kraterseen von Sete Cidades, wo Wildnis-Schutz und Ökosystemerhalt im Zentrum standen. Auf dem Trilho do Canário war eine aussichtsreiche Wanderung geplant, da die Berge aber dicht in Wolken gepackt waren, es permanent nieselte und der Wind uns die Regentropfen förmlich ins Gesicht trieb, hielten wir nur hier und da an, um die wenigen Augenblicke zu genießen, in denen wir freie Sicht auf die Kraterseen hatten. Dem Titel der Fortbildung entsprechend diskutierten wir mitten im Zentrum des Ortes Setes Cidades einige Themen und Methoden der Outdoor Education und entschieden uns, da es nicht aufklarte, für einen Besuch am schwarzen Sandstrand von Praia dos Mosteiros mit seinen Lavapools und dem Miradouro da Ponta do Escalvado – am geologisch jüngsten Westende der Insel. Nach der Rückkehr nach Ponta Delgada erhielten wir zum Abschluss unsere Teilnahme-Zertifikate, mit einem lachenden und einem leicht wehmütigen Auge, denn die Gruppe aus Litauen musste uns an diesem Tag schon verlassen.
Zum Finale am Samstag verwandelte sich Ponta Delgada selbst in ein Freiluft-Klassenzimmer: STEAM-Bildung, lokale Geschichte, Storytelling, Problemlösung und Bürgerkompetenz verschmolzen zu einem letzten, sehr praxisnahen Workshop. Danach folgten Rückblick, eine Feedbackrunde und die obligatorische Frage: „Und was nehme ich davon jetzt konkret mit an meine Schule?“ Die Antworten wurden gleich in erste Aktionspläne gegossen. Zu den begleitenden Elementen der gesamten Woche zählten die Beobachtung und Dokumentation der Eindrücke, die Reflexion über die Übertragbarkeit der Erfahrungen auf den eigenen Unterricht und ein intensiver Austausch mit den anderen Teilnehmern.

Auch wenn sich die Woche zwischen Vulkanen, Walen und Lavapools streckenweise eher nach Trauminsel-Urlaub als nach Fortbildung anfühlte, entstanden ganz nebenbei zahlreiche konkrete Projektideen zur Umweltbildung, die sich auf den heimischen Schulkontext übertragen lassen. Durch Exkursionen, Diskussionen und „Workshops“ unter freiem Himmel sammelten wir wertvolle Erfahrungen zum Thema Nachhaltigkeit im Einklang mit der Natur. Darüber hinaus legte die Veranstaltung den Grundstein für weitere potenzielle Erasmus+-Schulpartnerschaften. Die Fortbildung war eine seltene Kombination aus Naturerlebnis, fachlicher Weiterbildung und internationalem Austausch. Sie bot praxisnahe Einblicke in Umweltbildung und Nachhaltigkeit, Ideen für Unterrichtsprojekte und die internationale Vernetzung mit Lehrkräften unterschiedlicher Bildungseinrichtungen aus ganz Europa.
Kurzum: Wer eine Fortbildung sucht, nach der man nicht nur klüger, sondern auch ein bisschen sonnengebräunter zurückkommt, ist auf São Miguel goldrichtig.
A. Mischlewitz und Dr. O., Fotos: N. Salvador, Dr. O.





















