Shakespeare neu gezähmt

Ein Follower über die Theateraufführung des Literaturkurses der Q1 

260624. Man möge mir verzeihen, doch selten hat mich eine Aufführung eines meiner Stücke derart überrascht wie jene, der ich gestern beiwohnen durfte. Die Schüler des Literaturkurses der Q1 (Frau Hager) wagten sich an meine Komödie „Der Widerspenstigen Zähmung“ – und entschieden sich klugerweise dagegen, sie einfach nachzuspielen.

Kinos kannte ich bisher nicht. Man kann zwischen mehreren Vorführungen wählen – wie cool ist das denn! Ich glaube, viele meiner Stücke hätten sich als Kinofilm auch sehr gut gemacht. Die Aula kann man jetzt nun wirklich nicht mit dem Globe Theatre vergleichen – akustisch schon mal gar nicht, aber Gestik und Mimik der Schauspieler machten dies mehr als wett und wirkten bis in die letzte Reihe. Darüberhinaus bespielten die Schauspieler das Stück mehrfach im ganzen Raum, kletterten dabei auf Stühle und nutzten funzelige Taschenlampen.

Als sich der Vorhang hob, fand ich mich zunächst in vertrautem Terrain wieder: Lucentio, Tranio, Baptista, Bianca und Katharina betraten nach und nach die Bühne, und die alten Verse erklangen. Doch schon bald bemerkte ich, dass hier etwas Besonderes geschah: Die jungen Schauspieler nahmen meine Geschichte nicht als unveränderliche Wahrheit hin. Sie stellten Fragen, widersprachen, diskutierten und schrieben sie gewissermaßen weiter.

Besonders faszinierte mich die Figur der Katharina, die hier gleich viermal auf der Bühne stand – nice, kann man aber nur machen, wenn man die Schauspieler nicht bezahlen muss 😊.

Zu meiner Zeit galt Katharina vielen als widerspenstig und schwer zu bändigen. Doch die vier Schauspielerinnen Alexia, Annabell, Marlyatou und Sarah zeigten sie als mutige junge Frau, die sich gegen Erwartungen und Zwänge auflehnt. Ihre Worte über Freiheit, Selbstbestimmung und den Wunsch, ihr Leben selbst zu gestalten, verliehen der Figur eine neue Tiefe. Ich musste erkennen: Jede Zeit erschafft ihre eigenen Lesarten – und vielleicht ist genau das die größte Stärke des Theaters.

Mit Vergnügen beobachtete ich die komischen Szenen der Freier, die sich gegenseitig übertrumpfen wollten – die Verkleidungen, Missverständnisse und Wortgefechte. Besonders Petruchios selbstbewusstes Auftreten und Katharinas schlagfertige Antworten gefielen mir. Die Darstellenden bewiesen dabei großes Gespür für Timing und Humor.

Doch die Aufführung beließ es nicht bei Komik. Immer wieder traten Lena und Luzie als kommentierende Stimmen im Publikum auf. Sie schienen direkt aus dem Publikum zu sprechen und stellten Fragen, die nicht nur mich umtrieben: Warum sollte Katharina gezähmt werden? Weshalb entscheiden andere über ihr Leben? Darf Liebe überhaupt erzwungen werden? Durch diese Einwürfe entstand ein spannender Dialog zwischen meiner Zeit und der Gegenwart. Ich bin aber froh, dass mich niemand entdeckt und einen Scheinwerfer auf mich gerichtet hat.

Besonders eindrucksvoll war die Szene, in der die vier Katharinas gleichzeitig auf der Bühne standen. Gemeinsam verliehen sie den Gedanken und Gefühlen der Figur besonderen Ausdruck. Das vierstimmige Unisono der Katharinas: „Ich gehöre mir“, schien eine Kraft zu übertragen, die weit über die Handlung hinausreichte.

Am meisten erstaunte mich jedoch das Ende. In meiner ursprünglichen Fassung nimmt die Geschichte einen anderen Verlauf. Die Schauspieler aber entschieden sich bewusst für einen neuen Weg. Bianca findet eine Liebe auf Augenhöhe, und Katharina verlässt die Bühne nicht als gezähmte Frau, sondern als selbstbestimmte Persönlichkeit, die ihren eigenen Weg gehen möchte. Sie entscheidet sich für Bildung, Freiheit und die Hoffnung auf eine Partnerschaft, die auf gegenseitigem Respekt beruht.

Als Autor könnte man meinen, ich müsste gegen solche Veränderungen Einspruch erheben. Doch das Gegenteil ist der Fall. Theater lebt davon, dass jede Generation bekannte Geschichten neu betrachtet und mit ihren eigenen Erfahrungen verbindet. Der Literaturkurs hat nicht gegen mein Werk gearbeitet, sondern mit ihm. Er hat dessen Fragen aufgegriffen und neue Antworten gesucht – und gefunden.

So verließ ich meinen Platz im Publikum beeindruckt von der Kreativität, dem Mut und dem Engagement dieser jungen Schauspieler. Sie bewiesen, dass ein Stück, das vor mehr als vier Jahrhunderten! geschrieben wurde, noch immer Anlass zu Diskussionen geben kann.

Was soll ich sagen: Ich war auf der Durchreise, hatte Zeit und gönnte mir diesen wundersamen Abend. Und während ich das Kino-Theater verließ, dachte ich bei mir: Wenn meine Figuren die Menschen auch heute noch zum Nachdenken bringen, dann haben sie ihre Aufgabe erfüllt.

William Shakespeare (hinten links, letzte Reihe)

Es spielten:

  • Katharina: Sarah, Marlya, Isabella, Alexia
  • Petruchio: Sumea
  • Baptista: Henri
  • Bianca: Laura S. und Eileen
  • Lucentio: Egzon
  • Traniio/Trinio: Laura H. und Lena T.
  • Hortensio: Philipp
  • Gremio: Youssef
  • Biondello: Gabrail
  • Grumio: Artur
  • Oma: Lena N.
  • Enkelin: Luzie
  • Theaterbesitzer: Jonathan
  • Kartenverkäufer: Magnus
  • Technik und Pfarrer: Leonard
  • Technik und Diener: Jonas
  • Regieassistenz: Annika und Gabrail