Amazonen* auf dem Vormarsch – mit Bildungsauftrag

Gedanken zu Schulbeginn – Wir wünschen allen einen guten Start

260824. Die Zukunft hat sechs Beine – und Deutschland ein neues Problem. Oder vielleicht auch eine neue Hoffnung. Sie ist grün, gut getarnt, ausgesprochen geduldig und kann ihren Kopf fast 180 Grad drehen. Nein, die Rede ist ausnahmsweise nicht von Lehrkräften, die versuchen, gleichzeitig den Unterricht, die Pausenaufsicht und den Wandertag im Blick zu behalten. Die Rede ist von Gottesanbeterinnen** (Mantis religiosa, Ordnung Mantodea (Fangschrecken) auf dem Vormarsch.

Laut aktuellen Berichten breiten sich die wärmeliebenden Insekten in Deutschland immer weiter aus. Mehr als 15.000 Sichtungen wurden in diesem Sommer bereits gemeldet – so viele, dass man sich fragen muss, ob Deutschland inzwischen tatsächlich wärmer geworden ist oder ob einfach niemand mehr weiß, was er in den Sommerferien fotografieren soll.

Die Ursache ist offenbar der Klimawandel. Die Gottesanbeterinnen fühlen sich bei den zunehmend sommerlichen Temperaturen pudelwohl. Während der Mensch bei 30 Grad im Schatten nach einem Ventilator (die gehypete Split-Klimaanlage ist ausverkauft oder völlig überteuert), einem Eis und einer Existenzberechtigung sucht, sitzen die Gottesanbeterinnen entspannt auf ihren Pflanzen und schauen sich die Gegend an.

Doch die eigentliche Besonderheit dieser Tiere liegt nicht in ihrer Ausbreitung, sondern in ihrer Familienplanung. Sie sind nämlich für ihr etwas eigenwilliges Paarungsverhalten bekannt – begleitet von „Mordshunger“: Rund ein Drittel der Männchen wird nach der Paarung von Weibchen verspeist. Das klingt zunächst grausam. Bei genauerem Hinsehen könnte man allerdings auch sagen: Die Natur hat hier ein äußerst konsequentes Recyclingkonzept entwickelt – ganz im Sinne der SDGs (Sustainable Development Goals). Für die Männchen bedeutet das: Erst heiraten, das war´s. Man darf sich das nicht als Beziehungsproblem vorstellen, es ist eher eine sehr kurze Projektlaufzeit. Projekt Nachwuchs: Erfolgreich abgeschlossen. Mitarbeiter: 404 – not found. Krass!

Für Menschen besteht übrigens keinerlei Gefahr. Die Gottesanbeterinnen sind weder giftig noch können sie stechen oder beißen. Damit sind sie uns in einer wichtigen Hinsicht bereits voraus: Sie verbreiten Angst, ohne jemanden zu verletzen. Sollte also demnächst eine Gottesanbeterin auf unserem Schulhof auftauchen, bitten wir darum, Ruhe zu bewahren. Nicht kreischen, nicht wegrennen und vor allem keine Klassenarbeit oder gar Stühle nach ihr werfen. Einfach beobachten! Vielleicht können wir sogar etwas von ihr lernen: Geduld, Konzentration und die Fähigkeit, stundenlang vollkommen regungslos auf den richtigen Moment zu warten.

Insbesondere Letzteres dürfte für den Schulalltag nicht ganz unwichtig sein. Denn wenn die Gottesanbeterinnen eines Tages auch in unseren Klassenräumen heimisch werden, könnten sie dort durchaus Verwendung finden: Bei unangekündigten Tests könnten sie als Aufsicht eingesetzt werden. Bei Elternabenden könnten sie die Sitzordnung überwachen. Als Dirigentinnen der Schulchöre könnten sie unsere Musiker entlasten (siehe Bild), und bei der Frage „Wer hat die Hausaufgaben vergessen?“ müssten sie vermutlich nur langsam den Kopf drehen. Nicht nur für den Reigionsunterricht, in dem zumindest eines der Zehn Gebote Probleme bereiten könnte, sondern auch für die Ethik bieten die Tiere hervorragendes Unterrichtsmaterial: Ist es moralisch vertretbar, den eigenen Partner aufzuessen? Ist es vielleicht sogar nachhaltiger als eine Scheidung? Und wäre eine Gottesanbeterin eigentlich katholisch, evangelisch oder einfach nur konsequent? ***

Auch auf dem Schulhof könnte etwas mehr pädagogische Spannung aufkommen: Hier erlebt das beliebte Spiel „Fangschrecken“ eine Renaissance. Die Regeln sind denkbar einfach: Eine Person ist die Gottesanbeterin, alle anderen sind ahnungslose Männchen. Wer gefangen wird, scheidet aus – endgültig! Das Spiel fördert Reaktionsfähigkeit, Ausdauer und vor allem die Fähigkeit, gefährliche Situationen rechtzeitig zu erkennen. Außerdem werden für jede Handlung klare Konsequenzen aufgezeigt.

Besonders spannend ist natürlich die Frage, was die Ausbreitung für Jungen bedeutet. Noch ist unklar, ob die Gottesanbeterinnen langfristig Einfluss auf das männliche Selbstbewusstsein nehmen werden. Denn bisher konnte ein Junge immerhin davon ausgehen, dass die größte Gefahr nach einem ersten Date darin besteht, dass er keine Antwort mehr bekommt. Nun könnte es sein, dass er gar keine mehr bekommen kann…

Vielleicht sind die Gottesanbeterinnen aber auch gar keine Bedrohung für Deutschland. Vielleicht sind sie einfach nur die nächste Stufe der Bildungsreform. Und wenn sie sich weiter ausbreiten, sollten wir eines nicht vergessen: Liebe Schülerinnen, seid nett zu euren Mitschülern. Man weiß nie, ob sie im nächsten Sommer eine Gottesanbeterin heiraten.****

*Wiki: Da der Begriff heute vielleicht nicht mehr so geläufig ist: Nein, das sind weder der Plural von Amazon noch die Bewohner der Flussufer des Amazonas. Als Amazonen (altgriechisch Ἀμαζόνες Amazónes) werden in antiken Mythen und Sagen Völker bezeichnet, bei denen Frauen die klassische Männerrolle übernahmen und in den Kampf zogen. Die Franzosen haben auch einen Begriff dafür: Femmes fatales!

** Sprachlich interessant: Man benutzt die weibliche Form (offizielle Bezeichnung) für beide Geschlechter – gendern is nich! Männchen heißen also ebenfalls Gottesanbeterinnen! Die weibliche Form hat sich vermutlich deshalb eingebürgert, weil weibliche Gottesanbeterinnen auffälliger, größer und aufgrund des Mordshungers vermutlich auch häufiger anzutreffen sind als die Männchen und in vielen Darstellungen die typische „betende“ Gestalt verkörpern. 

 ***Übrigens: Wir heißen alle neuen Kolleginnen herzlich willkommen am Ritze. Ein Hoch auf und „Longevity“ auch für unsere neuen Kollegen!

****Dieser Artikel kann Spuren von Fake News enthalten. Gluten- und Laktosefrei gibt´s im Kühlregal nebenan.